Unterwegs mit Vogelexperten

Von Franz (Fotos) – Kaum aus einem kleinen Holland-Urlaub zurück (davon in späteren Fotostrecken) erhalte ich eine Einladung von Günter und Dorothee vom NABU, mit ihnen eine Neuntöter-Familie am Regenrückhaltebecken (HRB) in Mengede zu besuchen. Einen Brut-Erfolg hat es dort wohl schon länger nicht mehr gegeben. Um eine solch seltene Beobachtung machen zu können, fahren die beiden mindestens jeden zweiten Tag nach Mengede, scannen mit ihren Spektiven die Gewässer und Ufer ab und melden ihre Entdeckungen auf Ornitho.de. So kommen schon mal 60 Vogelarten in einer Saison zusammen, dazu gehören, weil sie jede Sichtung und Vogelstimme melden, natürlich auch Spatzen oder Blaumeisen.

Wertvolles Ehrenamt

In diesem Jahr haben sie zum ersten Mal den sehr scheuen Seidensänger aus dem Schilf und einem kleinen Wald gehört. Der eigentlich im Süden Europas heimische Vogel zieht seit einigen Jahren wegen der zunehmenden Wärme in nördlichere Gefilde und scheint sich jetzt auch in Dortmund niederzulassen. Um die Vorkommen der Flussregenpfeifer auf Phoenix West (jetzt nur noch Halde Hympendahl) zu schützen, haben sie vor einigen Jahren dafür gesorgt, dass die Gelege weiträumig abgesperrt wurden. In diesem Jahr haben sie für eine Absperrung auf einer Schotterfläche am Regenrückhaltebecken gesorgt. Auf einem Acker wurde ein Kiebitzgelege in Absprache mit dem Bauern gekennzeichnet. An dieser Stelle einen herzlichen Dank an den Bauern, der die Aktion immer wieder gerne mitmacht und mit seinen schweren landwirtschaftlichen Geräten um die kleinen Flächen herumfährt.  Als sogenannte Kooperationspartner der Emschergenossenschaft und für den NABU nehmen sie bei Veranstaltungen auf dem Emscherauen-Hof mit einem Infostand teil und lassen Besucher durch ihre Spektive einen nahen Blick auf die Wasservögel werfen.

Immer hungrig

So, jetzt aber zu unserem gemeinsamen Besuch der Neuntöter-Familie. Am frühen Sonntagmorgen stehen wir unter einem Baum im Schatten, Dorothee und Günter mit ihren Spektiven und ich mit meiner Kamera und beobachten das abgezäunte Gelände, wo die Neuntöter in einem dornigen Brombeergestrüpp ihre Jungen aufgezogen haben. Seit einigen Tagen sind die beiden Jungvögel flügge, werden als Ästlinge aber noch weiter von den Eltern gefüttert. Es dauert auch gar nicht lange und die zwei jungen Vögel lassen sich auf einem Absperrgitter nieder. Sobald ein Elternteil auftaucht, wird mit weit aufgesperrtem Schnabel und flatternden Flügeln gebettelt. Leider fliegen sie dann häufig in einen Strauch und werden dort mit Insekten gefüttert. Nur einmal kann ich diese Szene durch die Blätter halbwegs fotografieren. Schade, denn eine Fütterung auf einem Ast oder dem Gitter wäre optisch reizvoller gewesen. Nur Dorothee gelingt eine schöne Filmsequenz, da habe ich wohl nicht richtig aufgepasst.

Rast einlegen

Dann wird es uns allmählich zu heiß in der gleißenden Sonne und wir begeben uns auf die andere Seite der Emscher und setzen uns in den noch vorhandenen Schatten am Waldrand und am hohen Ufer eines Überlaufbeckens. Günter und Dorothee wollen Limikolen entdecken. Fünf Waldwasserläufer können notiert werden. Wieviele Kiebitzjunge sind noch da, oder lässt sich noch der Flussregenpfeifer blicken? Beide werden gesichtet und später auf Ornitho gemeldet. Fünf Rostgänse, davon drei diesjährige Jungvögel, suchen im feuchten Lehmboden nach Nahrung. Über uns kreist plötzlich ein Storch und setzt mit hängenden Beinen zur Landung an. Nacheinander fliegen noch weitere sieben Störche herbei und landen im nördlichen Regenrückhaltebecken. Es sind diesjährige Jungstörche, die eine kleine Rast einlegen, nach Futter suchen und schon nach einer Stunde ihren Flug fortsetzen. Wir dagegen rasten am Emscherauen-Hof und zischen ein kühles alkolfreies Weizenbier. Haben wir uns verdient!

Vom Beute-Depot zehren

Am folgenden Morgen stehe ich schon um 7.00 Uhr am Neuntöter-Gebiet. Schließlich möchte ich auch noch eine Fütterszene auf meine Speicherplatte bannen. Erst tut sich gar nichts. Die Elternvögel sind noch nicht auf der Suche nach Insekten. Denen ist es vielleicht noch zu kühl. Dann aber setzen sich die jungen Neuntöter wieder auf das Absperrgitter und betteln. Die Eltern fliegen in die Sträucher und jetzt lerne ich dazu. Sie haben nämlich im Brombeergestrüpp ein Beutedepot angelegt. Ein Vogelküken war wohl das Opfer und wurde auf einem Dorn aufgespießt. Das Weibchen reißt an dem Kadaver, ein Vogelbein wird sichtbar (starker Ausschnittvergrößerungen!). Der junge Neuntöter bekommt einen Happen rohes Fleisch ab. Dann fliegt das Weibchen zu einem weiteren Depot, gut versteckt hinter einem Blatt. Das Männchen kommt dazu und wird vom Weibchen ermuntert, etwas abzuknabbern. Ich kann schließlich drei Depotstellen erkennen, alle mit jungen Vogelküken bestückt, erkennbar an den Vogelbeinen, die noch herauslugen. Die Wartezeit zwischen den einzelnen Aktionen versüssen mir zwei Feldhasen, die herbeihoppeln und vergnügt ihr Frühstück mümmeln. Danke dafür! Über mir fliegen Rauchschwalben und lassen sich für eine kurze Rast auf einem anderen Gitter nieder. Ein Fasanenjunges läuft über den Weg. Auch das wandert fotografisch auf die Speicherplatte. Wow, was für ein gelungener Vogelbeobachtungsmorgen.

 

 

 

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