Geiler Stoff und ein Silvester-Feuerwerk

„Geiler Stoff!“ Ginge es nach dem Doktor, hätten wir den Sieger dieser Chardonnay-Probe bei Eickhoffs damit festgemacht. Thomas und Carola Eickhoff gaben diesem Tasting von deutschen Chardonnays und einem französischen Wein einen würdigen Rahmen. Im einstigem Speisesaal von Eickhoffs Landgasthof in Halberbracht, nun deren Wohnzimmer, in dem eine Runde von neun Weinfreunden ein geschmackvolles Privatissimum genossen.
Aber zurück zum „geilen Stoff“. Dessen Erzeuger ist Hanspeter Ziereisen aus Efringen-Kirchen, ein knorriger Winzer, der keine Mainstream-Weine erzeugt. Der Stoff: sein 2023er Chardonnay HA(rd) mit ungestümer rauchiger Nase, Feuerstein und Orange am Gaumen, extraktreich und tiefgründig.

„Großes Kino”

Wir pflichten hier wiederum dem Doktor bei: „Großes Kino!“ Versammelt um den HA 23 Weine von Hermann Dörflinger (Reggenhag und Reggenhag Barrique), Dirk Brenneisen (u.a. Molassefels), Lämmlin-Schindler (Ortswein und Frauenberg Großes Gewächs), Holger Koch (Herrenstück und Großes Gewächs 2024) sowie Agnes Paquet (Bourgogne Chardonnay) als französisches Vergleichsmaterial.
So tolle Weine verlangen natürlich nach einer ebenso geschmackvollen Unterlage, die Thomas Eickhoff lieferte. Kürbissuppe mit dezentem Ton nach Tiroler Speck („Ingwer wäre zu scharf gewesen“), cremiges Risotto mit Shitake-Pilzen und Stremellachs sowie als Abschluss Vanilleeis mit Pflaumenkompott und Mandelhippe.

Mineralisch, frisch

Dörflinger-Weine sind durchgegoren und geschliffen, so auch der Kabinett aus dem Jahr 2024, mineralisch, klar, frisch. Der Chardonnay von Brenneisen ist etwas körperreicher, mit floralem Bukett, Zitrusnoten und Mineralik. Übrigens der Preis-Leistungssieger des Abends, meint der Doktor. „Kein Wein ohne ärztlichen Beistand“, schrieb schon Gerhard Hauptmann seinem Arzt Dr. Fleischer im Lustspiel „Der Biberpelz“ zu. Unser Doktor: eine wandelnde Enzyklopädie des Weines. Gib ihm ein Stichwort und der Doc antwortet us de Lamäng. Unglaublich, dieses umfangreiche Wissen.

Vollmundig und rund

Fruchtbetonter traten die Chardonnays von Lämmlin-Schindler auf. Birne, Melone, gute Säure, sehr gefällig, das Große Gewächs aus dem Frauenberg floraler mit Minze, Anis, Melone und einem angenehmen cremigen Holzton. Auch die Barrique-Version von Dörflinger gefiel mit Honignoten, vollmundig und rund („elegant gemacht, so der Doktor). Bei Holger Koch näherte man sich dem Ursprungsland des Chardonnays. Straffer, fruchtbetont, der Unterschied zu Frankreich ist nicht mehr groß. Sie stachen sogar den Bourgogne von Agnes Paquet aus, der traubig, mit Bitternoten, Mineralik am Gaumen in diesem Kreis nicht recht überzeugen konnte. Deutsche Chardonnays müssen sich hinter den französischen Vettern nicht verstecken, was zu beweisen war.

Einnehmend oder charakterstark?

Von der Auswechselbank ins Spiel kamen noch: Philipp Kuhns Dirmsteiner Ortswein mit mineralischer Wucht, Feuerstein und Schwefel („Silversterfeuerwerk“, merkte Florian trocken an) und Franz Kellers Oberbergener Bassgeige, 1. Lage. Der Wein entwickelte ebenfalls eine enorme Wucht nach einer Zeit im Glas, später nussige, cremige Karamellnoten.
Die Trennlinie der Vorlieben verlief an diesem Abend zwischen den einnehmenden Weinen von Dörflinger, Lämmlin-Schindler und den charakterstarken „französischen“ Chardonnays von Holger Koch, HP Ziereisen und Franz Keller. Großes Dankeschön von dieser Stelle an die Gastgeber!

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